Kleine Geschichte. Ein Strauch für Hilde

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51 Jahr alt. Wohne in der schönen Eifel. Ernährung. Sport. Gesundheit. Handwerk und Tierschutz/Umweltschutz sind meine Themen.

Es gab gute und weniger gute Tage für die Auslieferungsfahrer der Gärtnerei Boll. Ob es ein guter Tag wurde oder nicht hing meist nicht von den Pflanzen ab, die transportiert werden sollten, sondern von den Kunden, denen sie gebracht werden mussten.


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Gerne wurde zum Beispiel die Anbaugemeinschaft „Alles Grün“ angesteuert. Die Betreiber der Gemeinschaft waren unheimlich nett und freundlich, gingen den Auslieferungsfahrern beim Entladen des Wagens zur Hand und zum Abschluss gab es für den Fahrer einen Becher Kaffee zum Mitnehmen.

Das war eine angenehme Tour, die jeder des vierköpfigen Auslieferungsteams der Gärtnerei ohne Murren übernahm. Ganz anders sah es aus, wenn Kunden wie die „herrische Hilde“, wie sie von den Fahrern genannt wurde, eine Lieferung erwarteten.

Touren-Lotterie

Der Seniorchef Boll kannte das Problem nur zur gut. Er hatte aus diesem Grund schon vor längerer Zeit begonnen, nachmittags die Auslieferungsfahrten für den folgenden Arbeitstag zu planen.

Nachdem die Transporter von den Fahrern am Ende ihres Arbeitstages auf dem Firmengelände abgestellt worden waren, wurden sie anschließend nach den entsprechenden Auslieferungsplänen beladen.

Am nächsten Tag wurde morgens nach dem Zufallsprinzip jedem Fahrer ein Wagen mit entsprechender Tour zugeteilt. Dazu ordnete die Azubine Stephanie die Auftragsmappen in einer beliebigen Reihenfolge. Aus einem kleinen Stoffbeutel entnahm sie anschließend nach einander vier Buchstabenplättchen, die von einem alten Scrabbel-Spiel stammten.

Die Buchstaben auf den Plättchen standen für die Vornamen der Fahrer:

  • K für den schweigsamen Karl,
  • F für den schönen Franz,
  • D für den dicken Dieter und
  • M für den hektischen Manfred.

Dem Fahrer mit dem zuerst gezogenen Buchstaben wurde die Tour in der obersten Mappe zugeteilt, dem zweiten die Tour der nächsten Mappe und so weiter, bis jedem eine Tour zugeilt worden war.

Glück im Unglück

Heute stand dem dicken Dieter eine Fahrt zur unbeliebten Stammkundin Hilde bevor. Er hatte schon ein ungutes Gefühl gehabt, als er mit seiner ausgelosten Tourenmappe zum beladenen Transporter ging.

Im Fahrzeug angekommen, warf er einen Blick auf die Lieferscheine und stellte mit einem tiefen Seufzer fest, dass ihn sein Weg unter anderem zu der alten Giftnudel Hilde führte. Lt. Auftrag war die Lieferung des bestellten Spindelstrauch gegen 11.30 Uhr angekündigt. Kurzerhand beschloss er, zuerst zu Hilde zu fahren. Sie wäre nicht darauf vorbereitet, würde sich mit etwas Glück nicht in unmittelbarer Nähe ihres Hofes sondern auf einem der Felder aufhalten, und er könnte den Spindelstrauch einfach schnell abladen und verschwinden.

Kurz bevor Dieter von der Straße in die Einfahrt zu Hildes Hof abbiegen wollte, bemerkte er im Feld die Rückseite einer dürren Vogelscheuche. Sie war mit einer viel zu weiten, grünen Hose, einem alten Flanellhemd und Hildes hässlicher, türkiser Mütze ausstaffiert worden. Doch ohne weiter darüber nachzudenken, rollte er an den Scheunen vorbei in den Hof. Alles war ruhig, keine Spur von der nervigen Inhaberin, und Dieter nutzte die Gelegenheit, den Spindelstrauch wie geplant abzuliefern.

Ruckzuck saß er wieder im Firmenfahrzeug und fuhr zurück auf die Straße, vorbei an der Vogelscheuche, die nun in seine Richtung und auf ihre Uhr schaute. Glück gehabt, dachte Dieter grinsend, der seinen Irrtum mit der Vogelscheuche bemerkt hatte, und steuerte den nächsten Kunden an.